Theologie in Beziehung – Theologie in einer globalisierten Welt

Vortrag von Dr. Hadwig Müller, Freiburg (Doktoratskolleg „Catholic Theology in a globalised world“, Universität Innsbruck, 18. Mai 2022)

„Theologie aus Beziehung“ ist ein Titel, mit dem mich Reinhard Feiter, der gerade erst emeritierte Professor für Pastoraltheologie in Münster, vor vielen Jahren locken wollte, Texte von mir zu sammeln und in Buchform herauszugeben. Mir fehlte aber der Mut, meiner Weise, Theologie zu treiben, so viel Raum und Gewicht zu geben, dass ich ein Buch daraus hätte machen wollen. Erst vor zwei Jahren gab Reinhard Feiter mit Freunden eine Sammlung meiner Texte als Buch heraus, unter diesem Titel „Theologie aus Beziehung“; und sie hätten das, um was es mir in der Theologie geht, kaum besser treffen können. Daher passt der Titel für meinen Vortrag heute Abend, denn bei seiner Einladung hatte Christian Bauer mich ermutigt, theologische Entdeckungen im Lauf meines Lebens durchaus auch persönlich zu reflektieren.

Passt aber dieser Titel zum Doktoratskolleg, in dessen Rahmen ich hier spreche, überschrieben als „Catholic Theology in a globalised world“? Nein, wäre meine spontane Antwort. Auf der einen Seite Verwicklung in Beziehungen, zu denen Gesichter und Namen gehören und Geschichten, die ich erzählen kann; auf der anderen Seite weltweite Verflechtungen aller Gesellschaften in allen Bereichen, unüberschaubar und unbeherrschbar für einen einzelnen Menschen. Dieser erfährt sich als fremdbestimmt und ohnmächtig. Und um seine winzige Freiheit zu schützen, vermeidet er es lieber, sich wirklichen Beziehungen auszusetzen. Eine Theologie in dieser Welt, in der die Macht vielfältiger globaler Verflechtungen Beziehungen eher erschwert, wenn nicht unmöglich macht, und eine Theologie aus Beziehung – dazwischen scheint es keine Verbindung zu geben.

Allerdings ist nicht klar, ob es sich beide Male um eine je andere Theologie handelt. Klar ist nur, dass jedes Mal ein anderer Blick auf die Theologie geworfen wird: Einmal wird ihre Herkunft, ihre Quelle oder Ressource in den Blick genommen: „aus Beziehung“; das andere Mal wird ihr Ort angegeben: „in einer globalisierten Welt“. Und hierbei müsste noch geklärt werden, welchen Sinn das „in“ hat: Eine Theologie, die den globalen Verflechtungen einfach nur Rechnung trägt, oder eine Theologie, die hilft, in dieser globalisierten Welt zu leben? Zur Theologie in diesem zweiten Sinn kann – das hoffe ich zumindest – eine „Theologie aus Beziehung“ ein Beitrag sein. Ich komme am Ende darauf zurück. Jetzt werde ich versuchen, Ihnen nahezubringen, wie es bei mir immer mehr zu einer „Theologie aus Beziehung“ gekommen ist.

  1. Theologie – eine Liebeserklärung an eine merkwürdige Wissenschaft

Ich bin auf Umwegen zum Theologiestudium gekommen, nach einer Suche in viele verschiedene Richtungen. Schließlich siegte das Interesse an philosophischen Autoren, die mich faszinierten. Ich begann also mit Philosophie und nahm dann Theologie hinzu, weil ich dort die Herangehensweise an alte Texte lernen konnte. Bald begeisterte mich all das Neue, was ich in Münster damals (1967-1968) gerade in der Theologie kennenlernte. Ich erinnere mich an eine unangefochtene Freude am Theologiestudium, unangefochten von den Fragen des beruflichen Danach und meiner persönlichen Praxis als Christin. Von dieser Zeit ist mir die Überzeugung geblieben, dass Theologie ein Studium ist, das wie kein anderes eine ungeheure Weite an Stoffen, Themen und Methoden bietet und zugleich eine mich immer wieder neu lockende Möglichkeit, in die Tiefe zu gehen und weiter zu fragen und zu suchen. Bei Diskussionen um die Wissenschaftlichkeit der Theologie fesselte mich der intellektuelle Streit und vermehrte eher meine Freude am Studium. Dass ich der Theologie ein Praxisbein hinzufügen müsste, wurde mir in einem Seminar klar, in dem es um die Grundlagen theologischer Erwachsenenbildung ging. Also beendete ich das Theologiestudium mit dem Diplom relativ schnell und studierte noch Psychologie (1971-1975). Erst viel später dachte ich darüber nach, wie ich selber das verstehe, was ich tue, wenn ich Theologie „mache“.

Den Anstoß dazu gab ein internationales Symposion 2003 in Belo Horizonte, Brasilien. Damals tauschten sich französischsprachige, lateinamerikanische und deutschsprachige Theologen zu den Themen Glauben, Gesellschaft und Kirche aus. Dabei ging es auch um unser Verständnis von Theologie. Für mich bleibt bis heute unvergesslich, wie der afrobrasilianische Theologe Antônio Aparecido da Silva uns alle einlud, die Perspektive von Menschen aus afrikanischen Kulturen einzunehmen. Ihnen ist es unmöglich, über Gott nachzudenken, so wie sonst über einen anderen beliebigen Gegenstand. Für sie gehört Gott nicht in den Gegenstandsbereich eines Denkens, weil er selber der Autor allen Lebens ist, der Menschen zum Denken und Forschen, zum Sprechen und Schreiben befähigt. Theologie „machen“ heißt dann nicht: Gedanken und Aussagen über Gott hervorbringen oder befragen, vertiefen oder verwerfen. Es heißt auch nicht, Aussagen des christlichen Glaubens an Gott zu verstehen suchen. Es heißt vielmehr: „die Wirklichkeit im Licht des Glaubens ansehen“. Ich stellte mir das irgendwie räumlich vor: Gott und seine Gegenwart im menschlichen Glauben liegen gewissermaßen hinter uns als das, was uns treibt, nicht vor uns wie die Gegenstände die wir im Denken zu durchdringen versuchen. Diesen Satz habe ich mir seither zu eigen gemacht, um Theologie zu verstehen.

„Die Wirklichkeit im Licht des Glaubens ansehen“

Wenn ich Theologie so verstehe, melden sich allerdings sofort unüberhörbar Bedenken. Wir werden nun fast drei Monate lang mit einem Krieg in nächster Nähe konfrontiert, an den wir uns schon zu gewöhnen drohen. Wie lässt sich die Wirklichkeit des Zerstörens und Vernichtens von Menschenleben Tag für Tag, Nacht für Nacht, an so vielen Orten der Erde und jetzt in der nächsten Nachbarschaft „im Licht des Glaubens ansehen“? Allein „ansehen“ scheint da schon falsch zu sein! Oder heißt „ansehen“ mehr und anderes als „zuschauen“? Ja, es heißt mehr und anderes.

In diesem „ansehen“ ereignet sich eine Beziehung, eine doppelte Beziehung: In uns ereignet sich – ohne uns! – ein Angerufen-werden durch Menschen, denen wir nicht persönlich begegnen; und es ereignet sich in uns so etwas wie ein Rufen hin zu Gott, oder besser, ein Vor-ihm-Stehen, mit unserem Schrecken und unserer Ratlosigkeit, wobei sich, was mich betrifft, dieses Vor-Gott-Stehen gewissermaßen ohne mich und vielleicht auch ohne mein glaubendes Ich ereignet. Im „Ansehen“ ereignet sich also eine Beziehung – bevor ich darauf konkreter eingehe, möchte ich noch bei dem Theologieverständnis verweilen, mit dem ich von dem Afrobrasilianer beschenkt wurde. Ich begegnete prominentem Widerspruch, lernte aber auch prominente Beispiele für dieses Verständnis von Theologie kennen und habe eigene Anfragen.

Der Widerspruch: „Das ist fromm, aber keine Theologie!“

Auch dieser Widerspruch ist mit einer konkreten Begegnung verbunden. Ein bekannter Vertreter der liberalen evangelischen Theologie in Berlin war bei einem ökumenischen Symposion deutschsprachiger Pastoraltheologinnen und Pastoraltheologen eingeladen. Nach seinem Verständnis von Theologie befragt, legte er dar, dass es bei der Theologie um die Ausbildung künftiger Pastoren und Pastorinnen geht, die lernen müssen, einen bestimmten Fächerkanon zu beherrschen. „Theologie machen“ heiße demnach, den christlichen Glauben an Gott in Theorie und Praxis zu entfalten und zu lehren.

Mir dagegen hatte das Theologieverständnis des Afrobrasilianers eingeleuchtet. Ich fand darin ausgesprochen, wie ich selber Theologie getrieben hatte. Diesen Ausdruck übrigens „Theologie treiben“ ziehe ich vor, weil dabei weniger die Produktion wie beim Machen in den Blick rückt und mehr die Eigendynamik, wie ich sie beim theologischen Arbeiten selber erfahren hatte. Von der Philosophie herkommend, hatte ich Theologie aus Freude am Unverstandenen studiert. Als Ausbildung wäre Theologie für mich damals nicht in Frage gekommen. Wir waren wenige Frauen 1967, einige ältere, die sich für wissenschaftliche Laufbahnen qualifizierten, und wenige junge, die, was mich betrifft, von ihrer eigenen Neugier getrieben wurden. Auf diesem Hintergrund erhob ich Einspruch gegen das Konzept einer Theologie, die Glaubenswissen lehrt. Ich merkte, wie kostbar es mir war, als Theologin, „die Wirklichkeit im Licht des Glaubens anzusehen“: ich musste mich melden! Ich würde mich angreifbar machen, aber es war mir unerträglich, ein so enges Verständnis von Theologie unwidersprochen stehen zu lassen. Jener bekannte Berliner Professor hörte mich an und meinte dann ein wenig herablassend: „Das ist fromm, aber keine Theologie.“ Tatsächlich kenne ich aber Theologen, für die mein Verständnis von Theologie zutrifft.

Theologen, die die Wirklichkeit im Licht des Glaubens ansehen

Als erster fällt mir Bernhard Welte ein, von 1954-1972 Professor für Religionsphilosophie in Freiburg, den ich gern gehört hatte. Ihm verdanke ich mein Vertrauen zu dem immer neu inspirierenden Zusammenhang von Denken und Glauben. Seine Weise des theologischen Fragens und Weitergehens war es, die mich nach meiner Brasilien-Zeit zum „Sprechen von Gott im Nachdenken eigener Erfahrung“ (Theologie aus Beziehung, 11) ermutigte. 1993, zum 10. Todestag von Bernhard Welte, hielt Klaus Hemmerle, derjenige seiner Schüler, der ihm vielleicht am nächsten stand, einen Vortrag: „Weite des Denkens im Glauben – Weite des Glaubens im Denken“. Darin zeigt er auf, dass Weltes Theologie eben dies war: ein Ansehen der Wirklichkeit im Licht des Glaubens.

Da ist zuerst sein Offensein für die Wirklichkeit: „Jedwede Wirklichkeit hat das Recht, von uns gedacht, von uns ernstgenommen zu werden, sich uns anzutun, sich uns zu erschließen und uns darin zu verändern. (…) Denn die letzte und äußerste Wirklichkeit macht sich fest und begegnet in den Wirklichkeiten, im Staunen über sie, im einfachen Sehen, dass sie da sind.“ Dem entspricht eine Offenheit in der Methodik: „ich [Bernhard Welte] habe nicht eine in sich stimmige Begrifflichkeit oder eine in sich stimmige Weise, zur Wirklichkeit Zugang zu finden, sondern ich halte mich offen (…) Es braucht eine beständige sapientia, ein ständiges ‚Schmecken’: Welche Weise zu denken muss ich jetzt, hier, ernst- und wahrnehmen?“ Das hat eine unabweisbare Kehrseite: „Nichts zulassen, was nicht gesehen, nichts behaupten, was nicht wahrgenommen, ernstgenommen, vernommen, gehört, nichts, was nicht in gewisser Weise durchlitten ist.“ Schließlich gehört zum Offensein für die Wirklichkeit auch das Offensein für den Hinweis auf das, worin die Wirklichkeit sich selbst übersteigt: „das Angeschautsein von einer Wirklichkeit die wunderbar ist.“ (Zitate aus dem Vortrag von Klaus Hemmerle: vgl. https://klaus-hemmerle.de/de/ueber-diese-seite/mitteilungen/mitteilung/11.html)

Der zweite Theologe, der mir einfällt, weil ich mich gerade erst wieder übersetzend an ihm abgearbeitet habe, ist Albert Rouet, der 2012 emeritierte Erzbischof von Poitiers. Für ihn entscheidet sich alles an dem Blick, mit dem wir unsere Mitmenschen ansehen. Dabei geht es ihm weniger um die Theologie, deren Blick durch das Interesse am Erhalt der Institution verstellt sein kann, sondern vielmehr um die Menschen, die ihr eigenes Inneres gegenüber den Ansprüchen der globalisierten Welt, in der sie leben, abzuschirmen versuchen durch das Desinteresse, das sie, nicht nur in religiöser Hinsicht, vor sich hertragen wie einen Schutzschild. Rouet wirbt dafür, sich diesen Menschen zu nähern, mit vorbehaltloser, geduldiger Nähe und Hörbereitschaft. Darum geht es in seinem Buch von 2013, das jetzt auf Deutsch vorliegt: „Erstaunter Glaube. Dank an die religiös Uninteressierten“. Rouet gräbt die Wurzeln des allgemeinen Desinteresses aus, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was sich dahinter verbirgt, und zeigt, was sich erneuern würde, wenn wir die Uninteressierten ansehen, ohne schon alles über sie zu wissen, wenn wir ihnen lange zuhören und im Interesse für sie nicht nachlassen. Denn: „Wir sind schnell darin, uns mit Versatzstücken aus allen möglichen Gedanken zu versehen und nur noch mit diesen umzugehen. Wir beschränken uns dann nur noch auf das von uns Gewusste und öffnen uns nicht für das, was es da noch zu wissen und zu sehen gibt.“ Diese Kritik von Bernhard Welte könnte genauso Albert Rouet gesagt haben.

Für Rouet geht es um eine radikal andere Sicht auf die Wirklichkeit. „Die Bezugspunkte sind nicht mehr dieselben. Auf diese Weise entwickeln sich nicht nur die kulturellen Vorstellungen, sondern es verändert sich auch die Art und Weise, sich in eine Kultur einzubringen. Man sieht die Welt anders, besser gesagt: Man sieht, dass diese Welt anders möglich ist. Dann verlangt die Treue, sich (wie die Weisen aus dem Morgenland) von einem ‚Stern’, von einer Hoffnung anziehen zu lassen, deren genauer Inhalt immer erst noch entdeckt werden muss, deren Kraft aber das Gehen antreibt und das schöpferische Handeln in Schwung bringt. Die Treue ist immer schöpferisch, andernfalls bleibt sie im Beharren stecken. Die Armut des Menschen, der sich auf diese Wanderschaft eingelassen hat, ist das Erkennungszeichen für dieses veränderte Dasein.“ (Erstaunter Glaube, 27) Sich bewegen, um den Inhalt unserer Hoffnung zu entdecken, heißt: Fragen zu stellen.

Anfragen zur „Wirklichkeit“, zum „sehen“, zum „Licht des Glaubens“

Welche Wirklichkeit sehen wir?

Die Tatsache, dass die Theologie von Wahrheiten handelt, die die ganze Wirklichkeit betreffen, könnte zu der Meinung verführen, dass es nur eine für die ganze Welt gültige Theologie gibt. Sie wird aber von konkreten Menschen an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten gemacht und ist insofern immer nur eine Stimme im Konzert vieler verschiedener Stimmen. Wir können nicht das Ganze der Wirklichkeit in den Blick nehmen. Es gibt nur ein perspektivisches Sehen der Wirklichkeit, und jeder/jede bringt seine/ihre Perspektive mit.

Wir sehen immer nur einen Teil der Wirklichkeit, und zwar den Teil, den wir wählen, den wir sehen wollen. Eine Theologie, die sich dazu bekennt, nur einen Teil der Wirklichkeit anzusehen, ist eine sich kontextualisierende Theologie; und hier beginnen erst die Fragen: Welchen Teil der Wirklichkeit sehen wir an? Anders gefragt: Wie wählen wir ihn aus? Oder wählen wir ihn gar nicht aus, weil er vorgegeben ist, dadurch, zu welcher Zeit und an welchem Ort, in welcher Umgebung und mit welchem Geschlecht wir geboren sind? Wenn wir nun aber einen uns fremden Teil der Wirklichkeit auswählen, indem wir aus unserer Welt und Umgebung weggehen, ist weiter zu fragen: Wie sehen wir das, was uns fremd ist? Sehen wir es nicht immer mit unseren Augen, so dass das Fremde gar nicht als es selber gesehen wird? Oder ist das Fremde daran beteiligt, dass wir es sehen? Verändert es unser Sehen? Ist es möglich, dass uns eine Wirklichkeit anschaut, dass wir uns von einer Wirklichkeit anschauen lassen? Ist es möglich, dass wir den Anruf einer Wirklichkeit erleiden, dass wir beim Sehen einer Wirklichkeit im Grunde also weniger aktiv sind, als wir meinen?

Was also heißt „sehen“?

Genauer gefragt: Beinhaltet „sehen“ auch den Versuch zu verstehen? Noch genauer: Ist ein Sehen überhaupt möglich, ohne zumindest versuchsweise zu verstehen? Das wäre ein Sehen, ohne Worte für das Gesehene zu finden und damit im Grunde ein Sehen ohne Gesehenes. Die Wirklichkeit zu „sehen“ ist unmöglich, ohne auch Worte oder Zeichen oder auch Bilder für sie zu finden, um sie zu beschreiben. Sehen beinhaltet also immer auch ein anfängliches, versuchsweises Verstehen. Deswegen können wir dieses Sehen auch ein „Lesen“ nennen.

Dabei wird deutlich, dass das Sehen einen Abstand zu dem braucht, was gesehen wird, mag der Abstand noch so klein sein. Je näher wir an dem uns interessierenden Teil der Wirklichkeit sind, desto schlechter können wir ihn sehen und lesen. In einem immer kleiner werdenden Ausschnitt bleibt uns zuletzt nur das eigene Leben, und das können wir erst zu lesen versuchen, indem wir in der Erinnerung Abstand nehmen. Auf der anderen Seite kann ein sehr großer Abstand ermöglichen, einen großen Teil der Wirklichkeit zu lesen, und dabei kann das „Lesen“ eine Täuschung sein. So beschreibt es Michel de Certeau: Als er Ende der 1970er Jahre von der 110. Etage des World Trade Centers auf Manhattan hinabschaute, hatte er die Phantasie, einen riesigen menschlichen Text zu überschauen und zur Gänze aufzufassen, während die „Benutzer der Stadt“ unten mit ihren Füßen einen Text schreiben, den sie nicht selber lesen können. (Vgl. Kunst des Handelns, 1988, 181) Zum Sehen bzw. „Lesen“ einer Wirklichkeit gehört also immer auch die Frage: Von welchem Punkt aus, mit welchem Abstand, in welchem Licht sehen wir eine Wirklichkeit?

Was heißt: Licht des Glaubens?

Ist damit gemeint, dass der Glaube Helligkeit spendet? Das lässt sich nicht eindeutig und allgemein beantworten. Wer sich fragt, ob er/sie glaubt, findet wahrscheinlich nie eindeutige Klarheit über Glauben oder Unglauben. Im einen wie im anderen Fall bleiben Fragen, Zweifel, Nichtwissen. Es mag Augenblicke der Helligkeit geben, aber genauso gibt es Zeiten, in denen der Glaube selber die Wirklichkeit eher verdunkelt als erhellt. „Licht“ scheint hier also den Sinn von Perspektive zu haben. Wenn ich mich als jemanden sehe, die glaubt, so ist dies meine Perspektive. In dieser Perspektive schaue ich auf die von mir ausgewählte Wirklichkeit. Was das konkret heißt, kann jeder nur persönlich sagen. Ich will es für mich versuchen.

Wie ich die Wirklichkeit sehe, ist davon bestimmt, wie ich mein Leben sehe, mit welchen Erinnerungen, welchen Vorstellungen ich es „lese“. Ich lese es vor allem dankbar. Spontan erinnere ich mich zuerst an Ereignisse, Begegnungen, Menschen, die ich als Geschenk in meinem Leben betrachte. Das hindert mich nicht daran, mit Entscheidungen, die mein Leben bestimmen, zu hadern, mich über mich selbst zu ärgern, mir bisweilen zu wünschen, eine andere zu sein. Meine Dankbarkeit lässt jedoch immer wieder Vertrauen in mir wachsen. Das Einzige, was ich für dies Vertrauen tue, ist, es zu empfangen. In dieser dankbaren Empfänglichkeit lese ich meinen Ausschnitt „Wirklichkeit“; und es gibt Situationen, die mich dieses geschenkte Vertrauen „Glauben“ nennen lassen.

Eine solche Situation war ein Schlüsselmoment zu Beginn meiner Zeit in São Paulo, 1983. In den ersten Wochen musste ich nur auf andere warten, es geschah nichts, ich war einfach überflüssig, wusste nicht, wo und vor allem wie ich mich engagieren und nützlich machen konnte. Ich konnte ebenso gut zurück nach Deutschland gehen. Da fiel mein Blick auf das Foto von einem der romanischen Kapitelle der Basilika von Vézelay, das ich mitgebracht und an einer Wand aufgehängt hatte: die mystische Mühle. Oben schüttet ein Mensch Korn ein, unten fängt ein anderer das gemahlene Korn auf. Ich liebte diese Darstellung – ohne mich je um den theologischen Gehalt gekümmert zu haben. Jetzt „las“ ich sie mit einem Mal auf mich bezogen und wusste, dass es keine Alternative für mich gab: ich musste mich mahlen lassen … Und nun konnte ich dem Warten und der Leere jener Wochen zustimmen.

Als ich nach mehr als zehn Jahren zurück in Deutschland war (1994), gab es eine ähnliche Situation des Wartens. Ich suchte dringend Worte, um ehrlich mit mir selber zu sein. Ich war im Streit mit der Frage, wie sich meine Erfahrungen in Brasilien bzw. die Geschichten, die ich in Rundbriefen davon aufgeschrieben hatte, auf „meine Theologie“ ausgewirkt hatten. Ich suchte eine Stimme, die mir etwas dazu sagen würde. Es blieb aber still in mir. Im Gegenüber zu dieser ganz und gar wortlosen Stille in mir hatte ich auf einmal die Vorstellung, dass diese Abwesenheit von jeglichem Sprechen wie ein Hören war, das mir galt. Da fiel mir ein, dass der Gott jener Geschichten und Zeugnisse, die uns Christen in der Bibel, gerade auch im Alten Testament, überliefert sind, ein hörender Gott ist, einer der das Wort Adams sucht, der den Schrei seines Volkes in Ägypten empfängt, der auch auf mein Sprechen wartet. Und ich begann, vom Hören zu schreiben, von der Geburt des Sprechens aus der Stille, in der ein anderer auf mein Wort wartet.

2. Theologie aus Beziehung – eine autobiographische Spurensuche

Mein Theologieverständnis nährt sich also aus Beziehungen, die sich in meinem Leben ereignet haben; und ich sage „ereignen“, weil ich nicht weiß, wie es zu den Einsichten gekommen ist, die mir in der Theologie kostbar geworden sind. Ich weiß auch nicht, wie es zu den Merkmalen gekommen ist, an denen ich mich als Theologin erkenne. Ich habe sie irgendwann begrüßt, als sie schon länger da waren. Ich habe mich über sie gefreut, aber ich wusste, dass ich nichts dafür getan hatte, dass sie da waren. Sie waren gewissermaßen ohne mich in mir da. Sie gehören zu mir, aber sie gehören mir nicht. Ich habe sie nicht erobert, sie können mir jederzeit wieder genommen werden. Ich stelle sie kurz vor, diese Merkmale: sie sind wie Gäste, die bei meinem Theologietreiben mitspielen.

Ein Angewiesensein auf das Gespräch

Von klein auf kenne ich von mir ein Angewiesensein auf das Gespräch. Ich litt unter der Stummheit der Erwachsenen in meiner Familie, in der ich mit Abstand die Jüngste war, und unter der Vergeblichkeit, mit der ich oft ein Gespräch erbettelte. Später kam die Faszination durch das Gespräch hinzu. Was mich immer wieder, gerade auch für theologisches Arbeiten inspiriert, ist das Gespräch mit Menschen, und auch mit Büchern. Ich brauche das Wort eines anderen. Beispielsweise die Vorstellungen, die mir Einladende sagen oder schreiben: Sie sind mir kostbar, um einen Vortrag vorzubereiten. Mit dem Wort eines anderen verbinde ich die Chance, etwas zu hören oder zu entdecken, was ich selber mir nicht hätte sagen können.

Diese Erwartung der Inspiration im Angesicht eines anderen hat Heinrich von Kleist in einem Satz ausgedrückt, den ich liebe: „Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht.“ (Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden) Es gibt nichts Neues, was nicht durch einen anderen Menschen – der ja so neu ist wie er vergänglich ist – und durch sein Wort zu mir kommt. Dabei kann dieses Wort auch sein/ihr Antlitz sein, ihre/seine Augen, Gesten oder Bewegungen. Mein Angewiesensein auf das Gespräch kommt zusammen mit einem unablässigen Warten auf das Neue, das mir nur im anderen begegnet.

Eine Neugier gegenüber dem, was und wer mir fremd ist

Eine zum Staunen bereite Neugier kenne ich von mir lebenslang. Meine große Schwester bemerkte sie an mir als Kind und förderte sie nach Kräften. Sie bestärkte mich z.B. darin, „fremde Menschen“ zu sammeln: Fotos, die ich aus der Bildbeilage zum „Ruhr-Wort“ ausschnitt. Das war die erste Bistumszeitung in dem damals, Mitte der 1950er Jahre, gerade erst gegründeten Ruhrbistum Essen.

Wie sehr mich Fremde nicht nur interessierten, sondern lockten, wie wenn mit ihnen eine andere Freiheit verbunden wäre, erlebte ich 25 Jahre später bei der ersten Begegnung mit Mitgliedern einer brasilianischen Gemeinde aus dem Bistum Recife. Diese Begegnung motivierte eine erste Reise und gab mir wenige Jahre später – in einer Situation großer Ratlosigkeit – zu meiner eigenen Überraschung die Idee ein, nach Brasilien zu gehen.

Als ich, wiederum zehn Jahre später, von dort zurückgekommen war und versuchte, mir in einem Buch Rechenschaft darüber abzulegen, was mich dort angezogen und beschäftigt hatte, ließ mich die Auseinandersetzung mit „dem Fremden“ nicht mehr los. Wie konnte ich „dem Fremden im Eigenen einen Empfang bereiten“ – dieses schöne Wort stammt aus dem Buch von Reinhard Feiter „Antwortendes Handeln“. Wie konnte ich also „dem Fremden im Eigenen einen Empfang bereiten“, ohne es mir zugleich anzueignen? Diese Frage ist entscheidend, wenn ich das Mehr an Lebendigkeit bewahren will, das ich mit dem Fremden verbinde. Und darum geht es mir irgendwie immer: ein Mehr an Leben und Lebendigkeit.

Eine Gewissheit über das, was das Wichtigste ist

Das Wichtigste ist die Lebendigkeit, die im Leben eines Menschen wie ein innerer Widerstand ist, wie ein Aufstand von Farbe und Freude, wie eine Quelle von Hoffnung wider alle Hoffnung, wie ein Schrei, und doch auch wie ein Jubel… Für meine Gewissheit, dass es um die Lebendigkeit im Leben geht, hätte ich nicht immer diese Worte gefunden. Aber die Gewissheit selber ist alt. Sie begleitet mich von Kindheit an und hat im Lauf meines Lebens immer neue Facetten gewonnen.

Zuhause war ich die Letzte nach drei sehr viel älteren Geschwistern. Sie hatten sich von dem distanziert, was unseren Eltern wichtig war. Ich war ein Kind, das gerade lesen konnte, als ich am Ende allein mit ihnen sonntags zur Kirche ging. Um mich nicht zu langweilen, beobachtete ich die betenden Erwachsenen um mich herum: Sie schienen mir bedrückt und verschlossen in ihrem Kummer. Für mich passte das nicht zusammen. Entweder hatten Glauben und Kirche etwas mit Offenheit, Freude und Kommunikation zu tun, oder sie waren es nicht wert, dass man sich damit beschäftigte.

Im Studium kam es erst durch Freundinnen, dass ich den Zusammenhang von Glauben und Leben wiederentdeckte. Bis dahin hatte ich mich für Philosophie und Theologie ziemlich einzelgängerisch interessiert, unter dem Aspekt der Nahrung, die sie mir fürs Nachdenken boten. Begegnungen, Gespräche, Freundschaften in der Freiburger Hochschulgemeinde waren nötig, damit mir klar wurde, dass es auch in der Theologie ums Leben geht, in Beziehungen und im Ringen um Gemeinschaft. Kein Leben, ohne sich Beziehungen schenken zu lassen, und ohne das Vertrauen, dass sie geschenkt werden. Schließlich kamen die Jahre in Brasilien. Sie bereicherten meine Gewissheit, dass es um das Leben geht, vielleicht um die wichtigste Facette.

„In meiner brasilianischen Zeit wurde ich auf eine Dimension des Lebens aufmerksamer, die so alltäglich und selbstverständlich zu sein scheint wie die Luft, die wir atmen, so dass wir gar nicht bemerken, dass wir ohne sie nicht leben können. Ich meine die Tapferkeit und die Großmut, mit der Millionen von Menschen jeden Tag aufs Neue zustimmen zu leben und anderen ermöglichen, ihrerseits an diesem Tag leben zu wollen. Diese millionenfachen Gesten der Zustimmung zu einem mühsamen und glanzlosen Leben, in dem sie mindestens äußerlich durch nichts gerechtfertigt sind, enthalten so viel Vertrauen, so viel an sich verschenkender Liebe, dass keine theologische Arbeit darauf verzichten kann, aus dieser Quelle zu schöpfen, indem sie mit der Aufmerksamkeit für das beginnt, was allzu gewöhnlich zu sein scheint.“ (Theologie aus Beziehung, 7)

Eine Überzeugung, die meinen Glauben am meisten prägt

In dem Maß, in dem ich in Brasilien mit Menschen vertraut wurde, die in der gesellschaftlichen Hierarchie auf den untersten Stufen stehen, staunte ich über ihre Gesten zuversichtlicher Zärtlichkeit und Treue in einem Alltag voller Kämpfe, Ängste und Rückschläge, über ihre Fähigkeit zum Sprechen, wo mich die Aussichtslosigkeit einer Situation sprachlos macht, über die Leichtigkeit und Schönheit ihrer Bewegungen inmitten bedrückender Hässlichkeit, über ihre unausrottbare Hoffnung und Zustimmung zum Leben, wo es dafür keine Gründe zu geben schien. In diesem Maß festigte sich in mir die Überzeugung vom leisen, aber unwiderruflichen Sieg der Schwachen.

Das Paradox von der Stärke, die gerade in der Schwäche liegt, wurde für mich zum Herzstück christlichen Glaubens. Damals, als ich fern von theologischen Büchern und Gedanken lebte, hätte ich die Theologie der Befreiung als eine Theologie beschrieben, die von dem verrückten Glauben an die Stärke der Schwachen bewegt wird. Der Theologe, der diesen Glauben unermüdlich zum Schlüssel seiner Bibelarbeit macht, die bis heute ihre Frische nicht verliert, ist Carlos Mesters. Als ich in Deutschland über diese Erfahrung nachdachte, inspirierte sie mich zu Überlegungen über die „Chance eines schwachen Christentums“ (so ein Buchtitel von Albert Rouet: „La chance d’un christianisme fragile“, 2001). Sie inspirierte mich dazu, ein Missionsverständnis von der Schwachheit des christlichen Glaubens her zu erarbeiten, die in der Entzogenheit des Anderen erfahren wird (vgl. Michel de Certeau, GlaubensSchwachheit, 105) und von der Armut einer Kirche, die sich nach dem anderen ausstreckt, weil sie auf dynamische, strahlende, freudige Weise unvollständig ist (vgl. Theologie aus Beziehung, 125). Die Stärke in der Schwachheit, die Dynamik, die im Mangel liegt, die Beziehungsfähigkeit der Armen, die Freude gerade der Unvollständigen … Es ist immer wieder im Grunde dasselbe Paradox, dessen Geheimnis darin liegt, dass die Empfänglichkeit die Priorität hat.

Eine Priorität, die sich mir immer deutlicher auferlegt hat

Gibt es eine Priorität zwischen Sprechen und Hören, Eingreifen und Warten, Handeln und Seinlassen, Leiden Zufügen und Erleiden, Geben und Empfangen? Sofort würden wir sagen: Beides muss sein. Ja! Und dennoch, mir hat sich immer deutlicher die Antwort auferlegt, dass die Priorität beim Empfangen bzw. bei der Empfänglichkeit liegt.

Ein letztes Mal Brasilien! Wie oft hatte ich mich über Unrecht und Gewalt empört, besonders jenen Frauen gegenüber, denen ich nähergekommen war, wie oft hatte ich kämpfen wollen, um Abhilfe zu schaffen, wie oft hatte ich mich gegen etwas aufgelehnt, was ich selbst zu erdulden hatte, wie oft hatte ich warten müssen, wie oft hatte ich meine Ungeduld kaum mehr beherrscht, wie oft hatte ich gesprochen und gefragt, wie oft hatte ich diskutieren wollen, aber meine Freundinnen waren still geblieben mit diesem kleinen geduldigen Lächeln, dessen Botschaft ich langsam kannte: „du mit deiner anderen Kultur“! Diesen einfachen Zusatz hatten sie erfunden, um damit umzugehen, dass ich ihnen manchmal fremd war, obwohl aufs Ganze gesehen eigentlich vertraut.

Irgendwann lernte ich, dass ihre Fähigkeit, sich stören zu lassen, dass ihre Geduld Weisheit war, dass in ihrer Kraft zum Aushalten unerträglicher Situationen auch Widerstand lag, dass ihre Leidensfähigkeit nicht nur ein Sich-Wegducken war vor der Stärke der Umstände, sondern Empfänglichkeit: Empfänglichkeit für das größere Geschenk des Lebens. Daher wollte ich meinem Buch, über die Erfahrungen in Brasilien und darüber, was sie mit meinem Gottesverständnis zu tun haben, zunächst den Titel geben: „Leiden: Stärke der Armen – Stärke Gottes“. Als ein jüngerer Theologe mir erklärte, dass das so klingt, als wollte ich das Leiden verherrlichen, veränderte ich den Titel in „Leidenschaft: Stärke der Armen – Stärke Gottes“. Geblieben ist mir aber die unabweisbare Erfahrung, dass in der Leidensfähigkeit eine geheimnisvolle Stärke liegt, an die ich selber immer wieder nur mit Mühe glauben kann. Ich gehorche ihr keineswegs immer, aber sie begleitet mich: die Priorität des Empfangens vor dem Geben, der untätigen Präsenz vor dem Tun, des Hörens vor dem Sprechen, der Bereitschaft, sich stören zu lassen vor der Treue zur eigenen Absicht …

Theologie in einer globalisierten Welt: „damit sie das Leben haben“

Taugt eine solche „Theologie aus Beziehung“ dazu, in den Menschen, die in einer globalisierten Welt immer mehr vereinsamen, Vertrauen wachsen zu lassen, so dass sie allmählich, wie es so schön heißt, „aus sich herausgehen“ lernen, um Beziehungen einzugehen und darin nicht mehr nur so gerade überleben, sondern wirklich, in Fülle, leben? Ich glaube, ja: sie taugt dazu. Denn sie dient einem Leben in Fülle!

Ein solches Leben in Fülle, dank der Beziehungen, in denen ein Mensch seine Freiheit der Freiheit anderer aussetzt, wird allerdings immer ein Leben sein, das sich abseits dessen ereignet, was als „globalisierte Welt“ die Kommunikation beherrscht. Die globalisierte Welt ist jedoch auch jene Welt, in der jedes noch so winzige Ereignis einer einzelnen persönlichen Beziehung unmittelbare und mittelbare und in der Folge schließlich globale Auswirkungen hat.

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